Am 11. Mai 2026 hat ein bewaffnetes Patrouillenboot der sogenannten libyschen Küstenwache das zivile Rettungsschiff Sea-Watch 5 in internationalen Gewässern beschossen und gedroht, das Schiff zu entern sowie die an Bord befindlichen Personen nach Libyen zu entführen. Der Angriff ereignete sich in internationalen Gewässern etwa 55 Seemeilen nördlich von Tripoli. Die 30-köpfige Besatzung hatte kurz zuvor 90 Menschen in Seenot gerettet, darunter mehrere in akuter medizinischer Notlage. Die italienischen Behörden wiesen dem Schiff nun trotz des gewalttätigen Vorfalls den Hafen Brindisi zu, mehr als 1000 km und eine fast 4-tägige Überfahrt vom Rettungsort entfernt. Heute, am frühen Morgen des 12. Mai, rettete die Sea-Watch Crew weitere circa 64 Menschen aus Seenot in der maltesischen Such- und Rettungszone.
Der Angriff begann gegen 11 Uhr morgens am Montag: Zunächst fiel ein einzelner Schuss, gefolgt von einer Salve an etwa zehn bis fünfzehn weiteren Schüssen – ohne jede Vorwarnung. Über Funk befahl die Miliz, die Sea-Watch 5 solle nach Libyen fahren. Als die Besatzung sich weigerte, drohten die Angreifer, das Schiff zu entern. Die Crew setzte sofort einen Notruf ab, informierte die zuständigen italienischen und deutschen Behörden und hielt unbeirrt Kurs nach Norden. Über mehrere Stunden wurde das Schiff von Booten der sogenannten libyschen Küstenwache verfolgt. Mindestens eines wurde als Corrubia Class Patrouillenboot identifiziert. Ein Schiff, das den libyschen Behörden durch Italien überreicht wurde.
Die unmittelbare Gefährdungslage ist seit Montagnachmittag zwar beendet, jedoch sind Crew und Gerettete durch den Vorfall schwer belastet. Die Sea-Watch 5 steuert derzeit den von Italien zugewiesenen Hafen Brindisi an, der jedoch fast vier Tage Seefahrt entfernt liegt. Italienische Behörden zwingen zivile Rettungsschiffe systematisch, weit entfernte Häfen anzulaufen. Auf dem Weg fand die Sea-Watch Crew heute, am 12. Mai weitere circa 64 Menschen in Seenot und brachte sie an Bord.
Giulia Messmer, Sprecherin der Organisation Sea-Watch, erklärt:
Die Europäische Union hat mit der sogenannten libyschen Küstenwache ein gewalttätiges Monster geschaffen, das sie nicht mehr einfangen kann oder will. Mehr als 75 extreme Gewalttaten haben wir seit 2016 durch libysche Milizen auf dem Mittelmeer dokumentiert. Schutz durch Italien? Gibt es nicht. Konsequenzen für die Gewalteskalation? Auch keine.
Erst in der vergangenen Woche haben die deutschen Behörden die Sicherheitsstufe für die sogenannte libysche SAR-Region auf Stufe 2 angehoben – und dabei selbst anerkannt, dass hinter den Angriffen mit hoher Wahrscheinlichkeit Teile der sogenannten libyschen Küstenwache stecken: offizielle EU-Partner.
Deutschland ist als Flaggenstaat für die Sicherheit des Schiffs und der Besatzung verantwortlich. Die Bundesregierung muss den Angriff öffentlich als das benennen, was er ist: ein schwerwiegender Verstoß gegen internationales Seerecht und ein massiver Angriff auf die Sicherheit der Schifffahrt, die Freiheit der Navigation auf Hoher See und fundamentale menschenrechtliche Schutzpflichten. Es müssen diplomatische Konsequenzen folgen. Zum Hintergrund: Die Bundesregierung ermöglicht seit November 2025 u.a. die Ausbildung der sogenannten libyschen Küstenwache durch die Bundeswehr im Rahmen des EUNAVFOR-MED-Einsatzes IRINI. Bereits im September 2025 war die Crew der Sea-Watch 5 nach einem Rettungseinsatz von libyschen Einheiten beschossen worden. Sea-Watch hatte daraufhin im April 2026 Strafanzeige in Hamburg und Rom gestellt.
Die Seenotrettungsorganisation Sea-Watch fordert die Europäische Kommission auf, jede Kooperation mit der sogenannten libyschen Küstenwache zu beenden. Ausbleibende Konsequenzen werden als Ermutigung verstanden und ziehen weitere Eskalationen nach sich. Die italienischen Behörden müssen der Sea-Watch 5 jetzt den nächsten sicheren Hafen zuweisen, um ein schnellstmögliche würdevolle Anlandung aller Überlebenden an Bord sicherzustellen.











