19 Personen sind gestern, am 1. April 2026, auf ihrer Flucht über das Mittelmeer gestorben. Sie wurden von der italienischen Küstenwache geborgen und in Lampedusa an Land gebracht. 5 Menschen sind weiterhin in kritischem Zustand. 58 Überlebende wurden durch die Küstenwache gerettet. Nach eigener Recherche hat die Seenotrettungsorganisation Sea-Watch nun mehrere Indizien für eine willentlich unterlassene Hilfeleistung durch italienische Behörden vorliegen.
Das italienische Aufklärungs-Flugzeug IAM4101 flog einen Tag vor der Rettung des in Seenot geratenen Bootes, am 31.3.2026, nur 14 nautische Meilen vom Unglücksort entfernt, allerdings ohne einen öffentlich einsehbaren Notruf zu senden. Außerdem informierte das Frontex-Flugzeug Eagle 2 zweimal am 30.3.2026 über ein Schlauchboot in Seenot. Diese Mayday-Relay-Rufe waren 36 Seemeilen vom Rettungsort entfernt. Bei dem bestehenden heftigen nordwestlicher Wind und meterhohen Wellengang könnten die Notrufe mit der Position des Bootes am Rettungsort am Folgetag übereinstimmen. Sollten das italienische Militärflugzeug oder das Frontex-Flugzeug Behörden über den Fall bereits mehr als 24 Stunden vor der eigentlichen Rettung informiert haben, stellt dies einen schwerwiegenden Fall unterlassener Hilfeleistung durch italienische und maltesische Behörden dar.
Aufgrund Italiens repressiver Politik werden im Moment mehrere zivile Rettungsschiffe blockiert und dürfen trotz ihrer lebensrettenden Arbeit italienische Häfen nicht verlassen. Darunter das Rettungsschiff Sea-Watch 5, das durch italienische Behörden für 20 Tage festgesetzt wurde. Sea-Watch’s Rettungsschiff Aurora ist aktuell eines der zwei einzigen zivilen Rettungsschiffe, das im zentralen Mittelmeer operativ sind. Es hat in der Nacht vom 31.3.2026 erfolglos nach einem anderen Seenotrettungsfall gesucht. Das Frontex-Flugzeug Eagle 2 ignorierte Aurora trotz mehrfacher Kontaktaufnahme.
Giulia Messmer, Sprecherin der Organisation Sea-Watch, kommentiert:
“Die Situation ist erschütternd. 19 Menschen sind erfroren. Wenn sich unser Verdacht gegen die italienischen und maltesischen Behörden bestätigt, sprechen wir von unterlassener Hilfeleistung mit Todesfolge, und das gehört vor Gericht, nicht unter den Teppich.”
Im Folgenden finden Sie eine detailgetreue Rekonstruktion des Falls, die sich aus eigenen Recherchen mit öffentlich zugänglichen Daten und den Informationen von Sea-Watch’s zivilem Seenotrettungsschiff Aurora ergibt.
Detaillierte Rekonstruktion der Geschehnisse
- März:
21:24 Uhr UTC: Das Frontex-Flugzeug Eagle 2 sendet einen Mayday-Relay für ein Schlauchboot in Seenot mit etwa 70 Personen an Bord, das sich langsam fortbewegt. Position: 34°01’N, 12°08’E.
21:47 Uhr UTC: Das Flugzeug Eagle 2 wiederholt den Mayday-Relay mit denselben Informationen.
23:25 Uhr UTC: Das Rettungsschiff Aurora der NGO Sea-Watch versucht, Eagle-2 per Funk zu kontaktieren, um weitere Informationen zu erhalten. Es erhält keine Antwort.
23:32 Uhr UTC: Die Aurora versucht erneut, Eagle 2 zu kontaktieren. Keine Antwort.
23:55 Uhr UTC: Die Aurora versucht erneut, Eagle 2 zu kontaktieren. Keine Antwort.
- März:
00:06 UTC: Aurora versucht erneut, Eagle 2 zu kontaktieren. Keine Antwort.
00:17 UTC: Aurora versucht erneut, Eagle 2 zu kontaktieren. Keine Antwort.
00:39 UTC: Aurora teilt den Behörden per E-Mail mit, dass sie kurz davor ist, die Position des Mayday-Relays zu erreichen, um Hilfe zu leisten.
00:43 UTC: Aurora versucht erneut, Eagle 2 zu kontaktieren. Keine Antwort.
00:48 Uhr UTC: Aurora erreicht die angegebene Position, kann jedoch kein Boot ausmachen. Angesichts der schlechten Sichtverhältnisse, der fehlenden Luftunterstützung, der Wetterbedingungen und des Treibstoffstands nimmt Aurora Kurs nach Norden und folgt der Route, die das Boot möglicherweise in Richtung Lampedusa genommen hätte.
00:50 UTC: Die Aurora versucht erneut, Eagle 2 zu kontaktieren. Keine Antwort.
00:55 Uhr UTC: Die Aurora versucht erneut, Eagle 2 zu kontaktieren. Keine Antwort.
01:16 Uhr UTC: Die Aurora versucht erneut, Kontakt mit der Eagle 2 aufzunehmen. Keine Antwort.
01:40 Uhr UTC: Ein Patrouillenboot der sogenannten libyschen Küstenwache erreicht die Position der Aurora bei 34°13’N, 12°12’E und fragt per Funk, ob die Aurora Boote mit Migrant:innen gesichtet hat.
11:09 Uhr UTC: Ein Flugzeug der italienischen Luftwaffe mit dem Rufzeichen IAM4101 ist im libyschen Such- und Rettungsgebiet zu orten. Der Flugweg verläuft etwa 31 Seemeilen von der Position des Mayday-Relays und etwa 14 Seemeilen von der Position entfernt, an der das italienische Küstenwachenschiff CP306 die 58 Überlebenden retten wird.

Quelle: FlightRadar24
Gegen 19:45 UTC: Das Patrouillenboot CP306 der italienischen Küstenwache verlässt den Hafen von Lampedusa mit voller Geschwindigkeit in Richtung Südosten.

Quelle: Vesselfinder
Ca. 20:40–00:50 UTC: Das Flugzeug Manta 10-01 (MM62170) der italienischen Küstenwache mit dem Rufzeichen RESCIMB – was auf eine Koordination durch die Rettungsleitstelle in Rom hindeutet – wird bei einem Flug beobachtet, der auf die Suche und das Auffinden eines in Not geratenen Bootes hindeutet. Die Flugbahnen konzentrieren sich auf die Position 34°09’N, 12°51’E.

Quelle: FlightRadar24
- April
00:23 Uhr UTC: Das Patrouillenboot CP306 hat die Position der Flugbahn von Manta 10-01 erreicht
01:55 Uhr UTC: Das Patrouillenboot CP306 wird dabei beobachtet, wie es die Position verlässt und in Richtung Lampedusa fährt
09:50 Uhr UTC: Alarm Phone alarmiert die Behörden wegen eines Bootes mit 75 Personen an Bord, das dem von der Patrouillenboot CP306 geretteten Boot entspricht
11:01 Uhr UTC: Das Patrouillenboot CP306 läuft in den Hafen von Lampedusa ein und legt am Favaloro-Kai an. An Bord befinden sich 58 Überlebende und 19 Leichen.
14:30 Uhr UTC: Die italienische Nachrichtenagentur ANSA berichtet, dass die Überlebenden angaben, am Montag, dem 30. März, bei Tagesanbruch von Abu Kammash in Libyen aufgebrochen zu sein und zu 80 Personen auf einem 10 Meter langen Schlauchboot gesessen zu haben. Sie berichten, dass drei Männer ins Meer gefallen sind und als vermisst gelten.
Unsere offenen Fragen
Aus den gesammelten Indizien gehen drei zentrale Elemente hervor:
- Das Schlauchboot, auf dem die 58 Überlebenden und die 19 Opfer unterwegs waren, entspricht dem im Mayday-Relay des Flugzeugs Eagle 2 gemeldeten Bootstyp;
- Die ursprüngliche Schätzung von Eagle 2 (etwa 70 Personen an Bord) stimmt mit den 80 Personen überein, die bei der Rettung gezählt wurden: 58 Überlebende, 19 Leichen, 3 Vermisste;
- Die von Eagle 2 in der Nacht des 30. März angegebene Position stimmt mit einer Abfahrt vom libyschen Hafen Abu Kammash überein.
Angesichts dieser Übereinstimmungen fragen wir:
- Ist das von Eagle 2 gesichtete und im Mayday-Relay gemeldete Boot dasselbe, das von dem italienischen Küstenwachenschiff CP306 erreicht wurde?
- Falls es sich um dasselbe Schlauchboot handelt, welche Such-, Koordinierungs- und Überwachungsmaßnahmen wurden von den italienischen, maltesischen und europäischen Behörden zwischen der Nacht vom 30. März und der Nacht vom 31. März ergriffen?
- Ebenfalls unter der Annahme, dass es sich um dasselbe Boot handelt: Wurde das Boot im Laufe des 31. März erneut von Flugzeugen gesichtet, und wenn ja, warum wurde keine sofortige Rettung angeordnet?
- Falls es sich hingegen um zwei verschiedene Boote handelte, welche Maßnahmen wurden aufgrund der Meldung von Eagle 2 ergriffen und welche Informationen liegen heute über das Schicksal des in der Nacht vom 30. März gesichteten Schlauchboots vor?
- Und falls es sich um unterschiedliche Boote handelte: War das vom italienischen Küstenwachschiff CP306 gerettete Schlauchboot bereits vor dem Einsatz durch andere behördliche Stellen gemeldet oder gesichtet worden? Von wem und unter welchen Umständen?











