2026 ist gewaltvollstes Jahr auf dem Mittelmeer seit 2016

04 Nov 2026

Ein neuer Bericht der zivilen Seenotrettungsorganisation Sea-Watch dokumentiert 107 gewalttätige Vorfälle durch libysche Milizen gegen Flüchtende sowie europäische Akteure auf dem Mittelmeer seit 2016. Dabei wurden insgesamt über 70% bzw. 80 extreme Gewaltvorfälle von der sogenannten libyschen Küstenwache ausgeübt. Der Bericht wird kurz vor der Erneuerung des deutschen EUNAVFOR MED IRINI Mandats veröffentlicht, dessen aktuelle Fassung keine Ausschlussklausel gegen das Training der sogenannten libyschen Küstenwache durch die Bundeswehr vorsieht. Im Gegenteil, der aktuelle Antrag der Bundesregierung (21/8821) trägt einen stärkeren Fokus auf Ausbildung, Kapazitätenaufbau und Zusammenarbeit mit libyschen Akteuren, der zuvor auf EU Ebene verhandelt wurde. Der deutsche Bundestag berät heute zum ersten Mal über die Erneuerung des Mandats zur Beteiligung deutscher Soldaten und den Antrag der Bundesregierung.

Der Sea-Watch Bericht mit dem Titel „Gewalttaten der sogenannten libyschen Küstenwache und anderer libyscher Milizen auf See” wurde 2025 zum ersten Mal veröffentlicht. Nun publiziert die Seenotrettungsorganisation eine aktualisierte Version inklusive der dokumentierten extremen Gewalttaten in 2026. Die Zahl der nicht dokumentierten Fälle wird als wesentlich höher eingeschätzt. In dem Bericht aufgezeichnet sind gezielter Beschuss, erzwungenes Überbordgehen von flüchtenden Personen, Todesfälle von Flüchtenden, (versuchte) Entführungen von Rettungsschiffen und andere Gewalttaten wie vorsätzliche gefährliche Manöver und Verfolgung von Booten in Seenot, Behinderung von Rettungsaktionen, Bedrohung von Rettungskräften, physische Schläge gegen Personen in Not und das Zurücklassen von Leichen auf See. 

Die wichtigsten Erkenntnisse auf einen Blick:

  • 2026 ist mit 26 dokumentierten Vorfällen das bisher gewaltvollste Jahr auf dem Mittelmeer seit Beginn der Aufzeichnungen 2016. Sea-Watch dokumentiert 2 Beschüsse auf Personen oder Rettungsschiffe, 4 verbale Einschüchterungsversuche, 5 Fälle, in denen Flüchtende gezwungen wurden, über Bord zu gehen, 6 illegale Anweisungen an Rettungsschiffe, den Ort des Geschehens zu verlassen und 12 Stalking Vorfälle, in denen libysche Akteure Rettungsschiffe über einen längeren Zeitraum verfolgen oder bedrängen. In 2025 hat Sea-Watch insgesamt 22, in 2024 14 und in 2023 zwölf Vorfälle extremer Gewalt dokumentiert. Neben Flüchtenden selbst sind zivile Seenotrettungsorganisationen, die italienische Küstenwache und italienische Fischer von der Gewalt betroffen.
  • Die sogenannte libysche Küstenwache ist mit Abstand der gefährlichste Akteur auf dem Mittelmeer. Sie ist für über 70% der Vorfälle, mindestens 80 Fälle, verantwortlich. Die sogenannte libysche Küstenwache wird von der Europäischen Union und den europäischen Mitgliedstaaten ausgebildet, ausgerüstet und finanziert.
  • Menschen auf der Flucht sind bei Weitem am stärksten von Gewalt auf See betroffen. Das Dokument erfasst ausschließlich die sichtbarsten und direktesten Formen physischer Gewalt, die jedoch im Kontext eines Systems gewaltvoller Verschleppungen auf See ausgeübt werden. Allein im Jahr 2025 verzeichnete die Internationale Organisation für Migration mehr als 27.000 Personen, die während ihrer Flucht über das Meer illegal abgefangen und nach Libyen entführt wurden.

 

Bérénice Gaudin, Advocacy Officer bei Sea-Watch, kommentiert: 

Die sogenannte libysche Küstenwache schießt auf Menschen, bedroht Rettungskräfte und lässt Leichen auf See zurück. Und Europa bildet sie aus. Das ist tödliche Gewalt mit europäischem Geld. Die deutsche Bundeswehr darf Menschenrechtsverbrecher niemals ausbilden!

Der neue Sea-Watch Bericht wird am Morgen der ersten Bundestagsdebatte über die Fortsetzung der deutsche Beteiligung veröffentlicht. Der Antrag der Bundesregierung sieht dabei keine Ausschlussklausel gegen das Training der sogenannten libyschen Küstenwache durch die Bundeswehr vor. Dies war 2024 noch der Fall. Die aktuelle Bundesregierung verpasst damit eine Signalwirkung auf europäischer Ebene gegen die Ausbildung und Ausstattung von Akteuren, die nachweislich für Menschenrechtsverletzungungen verantwortlich sind. Konkrete Pläne rund um das Training libyscher Akteure werden im Mandatsentwurf jedoch nicht genannt. Zusätzlich beinhaltet der Regierungsantrag (21/8821) den geplanten Aufbau einer Rettungsleitstelle in Bengasi, Ost-Libyen. Die Regierung in Ost-Libyen, Herrschaftsgebiet von General Khalifa Haftar, wird international nicht anerkannt. Die Bundesregierung trägt damit eine strategische Neuausrichtung des IRINI Einsatz politisch mit, die zuvor auf EU Ebene beschlossen wurde. Die Ausbildung, der Kapazitätsaufbau und die Zusammenarbeit mit libyschen Akteuren werden im neuen Mandat aufgewertet. 

Im Gegensatz sind im Mandatsvorschlag keine wirksamen menschenrechtlichen Schutzmechanismen oder klare Beschränkungen der Zusammenarbeit mit libyschen Akteuren zu erkennen.

Sea-Watch fordert die erneute Aufnahme einer Ausschlussklausel gegen das Training der sogenannten libyschen Küstenwache sowie keine deutsche Beteiligung am Aufbau einer maritimen Koordinierungsleitstelle in Bengasi.

Den vollständige Bericht über die Gewalttaten der sogenannten libyschen Küstenwache und anderer libyscher Milizen seit 2016 gibt es hier.

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Sea-Watch e.V. – Zivile Seenotrettung von Flüchtenden
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